Emmauskirche Borna

Öffnungszeiten

Die Emmauskirche und die Stadtkirche St. Marien in Borna sind täglich für Sie geöffnet:

Sommerzeit 10:00–18:00 Uhr
Winterzeit 10:00–16:00 Uhr 

Am Sonntag sind die Emmauskirche und die Stadtkirche St. Marien erst nach dem Gottesdienst zur Besichtigung geöffnet (gegen 11:30 Uhr). Zum Gottesdienst sind Sie herzlich eingeladen.

Die Kirche – Mittelpunkt des Lebens

Heuersdorf, ein Dorf etwa 12 km von Borna entfernt, hat eine lange Geschichte, die im Jahr 2009 ihr Ende findet. Das älteste erhaltene Bauwerk ist die Emmauskirche.
Die Entstehung der nur 14,50 m mal 8,90 m großen Dorfkirche liegt etwa 750 Jahre zurück in der Romanik. Mit modernen dendro-chronologischen Untersuchungen hat man herausgefunden, dass die ältesten in der Kirche verbauten Holzbalken von Bäumen stammen, die im Jahr 1258 gefällt wurden.
Damals war Gott der Mittelpunkt des ganzen Lebens. In der Kirche wurden nicht nur Gottesdienste gefeiert. Die Kirche war auch der Ort, wo die Menschen im Gebet bei Gott Zuflucht suchten und Schutz und Trost in allen Lebenslagen fanden. Um Gott zu ehren, verwendeten die Heuersdorfer für den Bau ihrer Kirche auch das Kostbarste und Aufwändigste, was ihnen zur Verfügung stand: Bruch- und Feldsteine sowie Sandstein und Porphyr.
Die Emmauskirche ist eine romanische Saalkirche. Der so genannte Triumphbogen, der im Inneren den Übergang vom Kirchenschiff zum Chor bildet, ist noch original romanisch. Dagegen sind die Fenster und das Portal an der Südseite der Kirche sowie die markante Haube des Dachreiters in der Zeit des Barock umgestaltet worden.
Eine Besonderheit im Inneren ist die Tatsache, dass die hölzerne Kassettendecke des Kirchenschiffs nur von einer einzigen ebenfalls aus Holz bestehenden schlanken Stütze getragen wird. Der Altar entstand im 15. Jahrhundert und wurde im 19. Jahrhundert zum Kanzelaltar umgebaut. Die Orgel ist ein Werk des Bornaer Orgelbauers Urban Kreuzbach von 1850.
Ihren Namen erhielt die Emmauskirche allerdings erst 1959 in Folge der Zusammenlegung von Heuersdorf mit Großhermsdorf, um sie von der zweiten Kirche im Ort, der Taborkirche, zu unterscheiden, die am 23.11.2008 entwidmet werden musste, da sie dem Bergbau (als hoffentlich letzte Kirche in dieser Region) zum Opfer fiel.

Der Bergbau

Bereits 1950 wurde Heuersdorf zum „Bergbauschutzgebiet“ erklärt und damit für die Abbaggerung durch den Braunkohletagebau Schleenhain vorgesehen. Zur „Wendezeit“ 1989 hatten die Bewohner Heuersdorfs bereits 40 Jahre mit dem „Damoklesschwert Tagebau“ gelebt und beschlossen nun, mit allen Mitteln um den Fortbestand ihres Heimatdorfes zu kämpfen. Doch 2004 wurde das „Heuersdorf-Gesetz“ endgültig verabschiedet, das die Überbaggerung des Dorfes ermöglicht. Eine erneute Klage wurde zurückgewiesen. Damit war der jahrelange nervenaufreibende Kampf für die Heuersdorfer endgültig verloren.
Um ein Zeichen zu setzen, das die „Verletzungen“ aufnimmt und den Menschen Zuversicht gibt, verzichtete die Kirchgemeinde auf eine finanzielle Entschädigung und einigte sich mit dem Betreiber des Tagebaus, dem Bergbauunternehmen MIBRAG, auf den Erhalt und die Umsetzung der Emmauskirche an einen neuen Standort, der am Martin-Luther-Platz in Borna gefunden wurde.
Nach ihrem Transport von Heuersdorf nach Borna im Oktober 2007 wurde die Kirche restauriert. Außen wurde der Putz wiederhergestellt und das Dach neu eingedeckt. Im Inneren wurde der letzte Anstrich von ca. 1930 beseitigt und mittelalterliche, barocke und klassizistische Bemalungen freigelegt und zum Teil nachgestaltet. Am Ostermontag 2008 wurde der erste Gottesdienst am neuen Standort des Gotteshauses gefeiert.

Heimat in Bewegung

Im Leipziger Südraum ist vieles in Bewegung geraten und hat sich verändert. Gesellschaftlich nach der Wende, aber auch landschaftlich. 66 Orte bzw. Ortsteile fielen hier im letzten Jahrhundert dem Braunkohleabbau zum Opfer. Über 23 000 Bewohner können nie wieder an ihren Heimatort zurück, mussten sich ganz neu orientieren. 17 Kirchen wurden zerstört. Die Emmauskirche blieb als einzige erhalten.
Mit ihrem Transport nach Borna hat sie nicht nur nachhaltig die historische Bausubstanz dieser Stadt verändert und geprägt. Sie ist ein inzwischen ganz besonderer Ort, ein Symbol des Glaubens und der Lebenszuversicht geworden. Hier entzünden sich zwischen den Betroffenen und den Besuchern das Nachdenken und die Gespräche über das, was sich Menschen gegenseitig zumuten und was sie ertragen müssen. Welchen Schmerz Entwurzelungen mit sich bringen und wie hoffnungsvoll sich Neuanfänge gestalten können. Aber auch unsere Haltung zum Umgang mit der Energie, die Notwendigkeit überhaupt die Kirche zu haben, kommen zur Sprache. Unser Verhältnis von Aufwand und Nutzen im allgemeinen und wie sich das Leben auf dem Land schon gewandelt hat und noch wandeln wird, lässt sich beim so unmittelbaren Nebeneinander einer Stadt- und einer Dorfkirche beispielhaft hinterfragen. Das hat den Kirchenvorstand Borna zu seiner ungewöhnlichen Entscheidung bewogen, die kleine Emmauskirche als ein lebendiges Denkmal der Zuversicht in seine Obhut zu nehmen und weiter als Kirche zu nutzen.

Der Transport der Emmauskirche – Zahlen und Fakten

Zahlen & Fakten

  • Maße der Kirche
    Länge 14,5 m
    Breite 8,9 m
    Höhe 19,6 m
  • Eigengewicht der Kirche ca. 660 t
  • Ausführendes Transportunternehmen: Firma Mammoet Deutschland GmbH
  • Transporteinheit
    SPMT (Self Propelled Modular Trailers), 800 PS, 32,2 m lang, 5,5 m breit, 40 Achsen, 160 Räder, jedes Rad-Paar einzeln antreibbar und um 360 Grad drehbar
  • Gewicht der Transporteinheit mit Kirche: 963,4 t
  • Haupthindernisse
    2 Flussüberquerungen
    2 Bahnlinien
    3 Hochspannungsleitungen
  • reine Fahrzeit
    ca. 20 Stunden für 12 Kilometer
  • Kosten
    bezahlt ausschließlich durch die MIBRAG (Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft)

In einer spektakulären Aktion wurde die Emmauskirche im Ganzen von Heuersdorf nach Borna vom 23. bis 31. Oktober 2007 transportiert. Nach der Bitte um Segen für den Transport durch Pfarrer Krieger passierte die Emmauskirche am 25. Oktober 2007 den Ortsausgang Heuersdorfs.

Zur Vorarbeit für den spektakulären Transport gehörten präzise statische Berechnungen ebenso wie die Bergung des Inventars (Orgel, Bestuhlung etc.). Von entscheidender Bedeutung war jedoch die Stabilisierung des Jahrhunderte alten Gotteshauses. Denn Georadaruntersuchungen und 60 cm tiefe Bohrlöcher, die mit Minikameras befahren wurden, hatten ergeben, dass das Bruchsteinmauerwerk der Emmauskirche zu 30 Prozent von Hohlräumen durchsetzt war. Diese Hohlräume wurden durch das Einspritzen von 30 Kubikmeter Schaummörtel ausgefüllt.

Um das Transportgewicht zu reduzieren, wurde das alte Ziegeldach abgenommen und der Dachstuhl mit Holzplatten und Bitumenbahnen abgedeckt. Außerdem erhielt die Emmauskirche als Transportvorbereitung auch zum ersten Mal in ihrer mehr als 700 jährigen Geschichte ein Fundament. Dieses Fundament aus Beton und Stahlmatten wurde im nächsten Schritt an der Längsseite aller 70 cm durchbohrt und 34 Stahlträger durch die Bohrlöcher von jeweils 40 cm Durchmesser geschoben. Auf diesem 120 t schweren Stahlrost konnte die Emmauskirche im Ganzen auf die Transporteinheit gesetzt werden. Dazu wurde die Kirche am 21. und 22. Oktober zunächst mittels 12 Kletterpressen auf eine Höhe von 1,60 m angehoben. Dann wurde das Gotteshaus von der Transporteinheit (SPMT) unterfahren und auf dem Trailer abgesetzt.

Nun konnte der Transport beginnen: Er verlief dank umsichtiger Planung und guter Zusammenarbeit aller beteiligten Unternehmen reibungslos. Das erste große Hindernis, der Bahnübergang in Deutzen, wurde termingerecht am 27. Oktober überquert. Einen Tag später wurde auch der Bahnübergang bei Neukieritzsch passiert, wofür große Baumaßnahmen von nöten waren, um den Höhenunterschied von 1 m auszugleichen.

Am selben Tag folgte in Borna die Grundsteinlegung am neuen Standort der Emmauskirche.

Der Transport befuhr dann die B 176 und querte in Lobstädt die „Pleiße“. Dafür war im Vorfeld eine künstliche Flussüberfahrt geschaffen worden, um die Brücke keinerlei Gefahr auszusetzen. Dabei wurden 50000 Kubikmeter Erdreich und Kiesmassen bewegt und der Fluss durch Stahlrohre mit 80 cm Durchmesser geleitet. Noch am selben Tag erreichte die Kirche den Ortseingang der Stadt Borna und wurde dort von tausenden Einwohnern und Schaulustigen aus Nah und Fern mit großem Jubel empfangen.

Am 30. Oktober 2007 wurde das Gotteshaus von der „Abtsdorfer Straße“ in die „Sachsenallee“ manövriert. Weil das Transportgewicht für die Brücke über den Fluss Whyra zu hoch war, wurde auch hier für die Dauer des Transports ein Damm aufgeschüttet und der Fluss durch 8 Stahlrohre geleitet. 1500 t Kies abgedeckt mit Lastverteilungsplatten sicherten die beschädigungsfreie Überfahrt über den Parkplatz eines großen Verkaufsmarktes. Stahlplatten und provisorische Rampen wurden an vielen Stellen zum Schutz der Straßenoberflächen eingesetzt.

Auf dem letzten Stück der Reise der Emmauskirche wurden auf der „Straße am Brühl“ und auf dem „Luther-Platz“ 1000 Quadratmeter Fläche mit einer Stahlbeton-Fahrbahn abgedeckt, um den historischen Abwasserkanal darunter zu schützen.

Um 14.07 Uhr war es dann endlich so weit: Die Emmauskirche hatte ihr Ziel erreicht und stand neben der Stadtkirche St. Marien. Neue Adresse: Martin-Luther-Platz 3. Dort wurde sie einen Tag später durch den Sächsischen Ministerpräsidenten Georg Milbradt und Landesbischof Jochen Bohl noch einmal symbolisch begrüßt.

Am 1. und 2. November 2007 wurde die Kirche dann vom Trailer abgesenkt. Es folgte eine mehrmonatige Restaurierung und Sanierung, nach deren Abschluss am Ostermontag 2008, genau ein Jahr nach dem letzten Gottesdienst in Heuersdorf, unter Anwesenheit vieler ehemaliger Heuersdorfer der erste Gottesdienst am neuen Standort gefeiert werden konnte.

Über 50 Firmen aus der Region waren am Transport und der anschließenden Sanierung beteiligt.